Frage      Die biblische Steuerschätzung
Nur der Evangelist Lukas spinnt eine dramatische Legende mit himmlischer Verkündigung, Krippe und jubelnden Heerscharen um die Geburt des Gottessohnes. (Dafür fehlen bei ihm die Weisen aus dem Morgenland).

Ein Mann namens Josef machte sich demnach mit seiner schwangeren Frau auf die Reise von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in Judäa. Angeblich geschah das zu einer Zeit, als (Lk 2,1-2) "ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war."

Schon vor der Geburt Jesu fangen die biblischen Unstimmigkeiten an. Eine Steuerschätzung in Syrien inklusive Palästina, die Kaiser Augustus (63 v. Chr.-14) angeordnet haben soll, lässt sich historisch nicht feststellen.

Es gibt keinen Hinweis, der belegen könnte, dass Augustus zur Zeit des Herodes den Auftrag für die Registrierung aller Bewohner erteilen ließ. Das gilt sowohl für das Römische Reich, als auch für das Heilige Land.

Allerdings gab es um das Jahr 6 in Judäa, Samaria und Idumäa tatsächlich eine Volkszählung ("Census"), aber nur innerhalb dieser Provinzen ("Provinzial-Census"). Senator Publius Sulpicius Quirinius (21) war ab diesem Jahr nachweisbar als Legat für die Provinz Syrien zuständig. Zu dieser Zeit war Herodes (73-4 v. Chr.), durch Roms Gnaden König von Judäa und vermeintlicher Babyschlächter von Bethlehem, aber schon etliche Jahre tot.

Zudem spricht Lukas von einer von Rom angeordneten Schätzung für das ganze Römische Reich. Damit kann Lukas' und Matthäus' Behauptung, Jesus sei während der Regierungszeit Herodes des Großen zur Welt gekommen, nicht stimmen (Mt 2,1): "Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes."

Wie man es auch dreht und wendet, das Puzzle passt nicht zusammen, denn Herodes war im Jahr 4 gestorben.

Nehmen wir aber trotzdem an, die Römer hätten eine Volkszählung zu jener Zeit angeordnet. Warum hätte Josef mit seiner hochschwangeren Frau 150 Kilometer nach Bethlehem reisen und das Leben eines als heilig angekündigten Erlösers aufs Spiel setzen sollen? Das wäre sträflicher Leichtsinn gewesen!

Josef hätte einfach seinen Namen in Nazareth auf die Steuerliste setzen lassen können. Mit Sicherheit hätte er dazu auch die Begleitung seiner Frau nicht gebraucht, denn Frauen wurden steuerlich wohl kaum erfasst.

In der Sonntagsschule haben wir deshalb gelernt, dass das nicht möglich war, weil sich jeder Bürger in seinem Geburtsort registrieren lassen musste. Der war bei Josef nun mal Bethlehem.

Aber nur ein verrückter Herrscher würde auf diese Weise eine Steuerschätzung vornehmen. Die halbe Bevölkerung wäre kreuz und quer unterwegs und das Land stünde Kopf. Die Wirtschaft käme zum Erliegen. Und was wäre mit den Alten und Kranken? Wer hätte die Identität der Registrierten kontrollieren können, wenn man sie in ihren Geburtsorten nicht mehr kannte?

Den Römern konnte doch egal sein, aus welcher Stadt ihre Steuereinnahmen kamen. Hauptsache sie landeten in Rom. Dafür müsste keiner zu seinem Geburtsort zurückkehren. Seit der Antike ist es üblich, an seinem Wohnort Steuern zu zahlen.

Besonders pfiffige Theologen behaupten aus diesem Grund, Josef hätte zum Stammhaus König Davids gehört und Besitz in Bethlehem gehabt. Aus diesem Grund hätte er sein Eigentum dort registrieren lassen müssen. In diesem Fall wäre Josef aber ein reicher Mann und kein armer Handwerker gewesen, der mit einem Esel reisen und in einem Stall übernachten musste, wie Lukas schreibt.

Maria hätte wohl auch eine Hebamme und Dienerschaft bei sich gehabt, schließlich trug sie den Sohn des Heiligen Geistes in sich. Allen Erklärungsversuchen zum Trotz kann auch dieser herzergreifende Teil der Geschichte einfach nicht stimmen.

Dass Maria und Josef arme Leute gewesen waren, gehörte von Anfang an zum Mythos der Leidensreligion. Lukas beschreibt ausführlich, wie die beiden nach der Geburt im Tempel von Jerusalem dem Herrn für ihren Sohn Jesus danken wollten. Als arme Eltern konnten sie sich aber nur junge Tauben leisten, die geringste Opfergabe, die der Tempel gerade noch akzeptierte.

Der Grund, warum Jesus bei Lukas unbedingt in Bethlehem zur Welt kommen musste, liegt in der Absicht, die Geburt ideologisch mit den Schriften im Alten Testament zu verwurzeln. Dort prophezeite nämlich der Prophet Micha (Mi 5,1): "Und du, Bethlehem Efrata (...) aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei."

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©Johannes Maria Lehner
 
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